
Ganze zehn Monate hat es gedauert, bis ich meinen offiziellen „Ausländerausweis“ in den Händen hielt. Solange hat die brasilianische Polícia Federal gebraucht, um diesen Ausweis anzufertigen, der meine obligatorische Registrierung nach der Einreise nach Brasilien bestätigt. (Ein kurioses Detail am Rande ist, dass er „schon“ am 24. Juli ausgestellt wurde, aber erst mehr als drei Monate danach zur Abholung bereit lag). Mittlerweile bin ich damit beschäftigt, die Unterlagen für den Antrag auf Verlängerung meines Jahresvisums (das in zwei Monaten abläuft) zusammenzustellen. Damit werde ich mich zwei Monate lang des Besitzes dieses schönen Ausweises erfreuen können und danach auf die Ausstellung des neuen warten.
Das ist Brasilien!
10 Monate sind auch bereits vergangen in Erwartung der Auszahlung der Förderung für meinen Auslands(zivil)dienst. Bisher habe ich meinen Unterhalt ausschließlich aus eigenen (familiären) Quellen gesichert. Der Erklärung der zuständigen Personen mutet sonderbar an: Die Sachbearbeiterin hätte zunächst keine Dienstantrittsbestätigung bekommen (diese wurde am 9. Februar übermittelt), danach wurde ihr aufgrund der Nationalratswahlen ein anderer Dienst zugewiesen, danach fehlte mein erster Zwischenbericht (den ich ebenfalls zeitgerecht, am 1. Juni im Generalkonsulat von Rio de Janeiro abgegeben habe), danach war die Sachbearbeiterin im Urlaub und im Moment ist ihr Vorgesetzter im Urlaub, ohne dessen Unterschrift sie die Überweisung nicht tätigen kann. Die Hoffnung, vor Beendigung meines Zivildienstes noch eine Rate meiner Förderung überwiesen zu bekommen, ist nicht besonders groß.
Das ist Österreich!
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Der Tod von Sr. Jurandir
In Erinnerung an den alten Mann, der unter der Stiege wohnte
Als ich vor einiger Zeit in einem Buch von Jorge Amado aus dem Jahr 1937 eine Beschreibung eines heruntergekommenen Hauses in einem Viertel von Salvador las, das als Unterkunft für die unterste Schicht der Bevölkerung diente, in dem die „Wohlhabendsten“ noch das Glück hatten, in schäbigen Zimmern wohnen zu können, während die weniger Glücklichen sich mit einem Platz am Gang zufrieden geben mussten und die Erbärmlichsten in den Löchern unter der Holzstiege schliefen, gelangten diese Bilder in meiner Vorstellung noch nicht über den Bereich des Fiktiven hinaus. Zu jener Zeit wohnte ich bereits in einem Haus in Salvador, in dem sich jede Nacht ein Gast einfand, der am Gang schlief und seine Schuhe hinter der Gittertür des Stiegenaufgangs zu meiner Wohnung abstellte, damit sie ihm nicht gestohlen würden. Ab und zu bat er mich um etwas von dem Brot, das ich für das Frühstück gekauft hatte.
Das Haus von Vicky in Rio de Janeiro, in dem ich jetzt wohne, liegt im oberen Bereich eines Steilhanges, den man über viele Stufen eines Weges, der sich in Serpentinenform den Hang hinauf schlängelt, bewältigen muss, bevor man zum eigentlichen Hauseingang gelangt. Das Grundstück ist ein paar Meter von der Straße zurückversetzt, wodurch der Gehtsteig vor dem Grundstück plötzlich zu einem kleinen Platz wird, der mit der vorstehenden Front des nächsten Hauses wieder zu einem schmalen Weg wird. Unter der Stiege, die im rechten Winkel zur Straße von diesem Plätzchen aus ansteigt, befindet sich – begrenzt von der Grundstücksmauer – ein kleiner Hohlraum, in dem Sr. Junrandir wohnte.
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Die Land-Frage ist zentral im Konflikt um Bio-Brennstoffe, um den Preis der Nahrungsmittel und um fast alle Indigenen-Reservate und hängt auch mit der Rodung des Amazonasgebiets zusammen. In den Städten sind die Schwierigkeiten des Zuganges zu Grundstücken für Wohnungen verantwortlich für die explosionsartige Entwicklung der Favelas und illegalen Siedlungen.
Ermínia Maricato in piauí_21 (aus dem brasilianischen Portugiesisch von Jörg Trettler)
Gleich ob am Land oder in der Stadt, der Besitz von Land ist weiterhin der zentrale Punkt in der brasilianischen Gesellschaft. Im Zuge der in den 80er Jahren einsetzenden Globalisierung begann sich das Problem des Landes zu verschlimmern und tendiert dazu, auf der ganzen Welt ein explosives Thema zu werden. Mit dem Anstieg des auf dem Großgrundbesitz basierenden Agro-Business, gewannen Primärprodukte wie Eisenerz, Zellulose, Getreide, Fleisch, Benzin und Ethanol an strategischer Bedeutung auf den globalen Märken und verursachen in der heutigen Zeit die Vertreibung von Bauern aus dem ländlichen Raum in einem Maßstab, der eine Zahl von Menschen in Milliardenhöhe erreicht.
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An der UFRJ (Universität von Rio de Janeiro) wurde in diesem Semester ein Praktikum für Studenten der Studienrichtung Assistença Social in Campos (im Norden den Bundesstaates Rio de Janeiro) angeboten, wo das Movimento dos Trabalhadores Rurais sem Terra (MST) mehrere asentamentos (Siedlungen) und acampamentos (camps) hat. Am letzten Wochenende habe ich die Gruppe begleitet.
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Mit Tag(s) versehen: Landlosenbewegung, MST Brasilien "Movimento dos Trabalhadores Rurais sem T
Gepostet von Luiz Weis am 17.6.008 auf www.observatoriodaimprensa.com.br; aus dem brasilianischen Portugiesisch von Jörg Trettler
Man nennt die Praxis der Busch-Regierung Terrorismus-Verdächtige, die von nordamerikanischen Sicherheitsdiensten verhaftet wurden, illegal in Drittstaaten zu bringen um dort auf brutale Weise verhört zu werden rendition (Auslieferung). Türkei, Pakistan, Egypten, Jordanien, Polen und Rumänien werden als einige der Länder genannt, wo die Vereinigten Staaten Folter auslagern. Gemäß einem Kolumnisten ist es so, als ob Washington Auftragskiller anstelle.
Unter Berücksichtung aller Umstände ist es auch das, was am Samstag in Rio de Janeiro ein Leutnant, ein Unteroffizier und ein Soldat des Bundesheeres, mit vermutlicher Mittäterschaft von anderen Kameraden – insgesamt 11 Personen – machten. Das Trio lieferte drei Bewohner des Morro da Providência im Alter von 17, 19 und 24 Jahren an traficantes (Drogenhändler) aus, die am Morro da Mineira operieren, damit sie ihnen „eine Lektion erteilen“ oder ihnen „einen Schreck einjagen“. Sie wurden gefoltert und ermordet.
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Mit Tag(s) versehen: "rio de janeiro", brasilien, favela, Militär, repression

Während eines Protests gegen das Miltär plündern Bewohner der Favela Morro da Providência neun Autobusse und zünden einen weiteren an
Flávia Cohen, Gabriela Moreira und Zean Bravo am 15. Juni 2008 in der brasilianischen Tageszeitung O Globo; aus dem brasilianischen Portugiesisch von Jörg Trettler
Bewohner der Favela Morro da Providência (im Zentrum von Rio de Janeiro) zündeten als Protest gegen das Verschwinden von drei Jugendlichen, die gemäß ihren Anschuldigungen von Militärangehörigen, die die Favela besetzen, festgenommen wurden, gestern gegen 14 Uhr einen Autorbus an und plüderten 9 weitere. (Anm. d. Übersetzers: Die Besetzung des Morro da Providência vom Militiär begann am 13. Dezember 2007. Die Mission war, die Bauarbeiten zur Verbesserung der Fassaden und Dächer von 780 Häusern gemäß dem vorgestellten Projekt vom damaligen Senator Marcelo Crivella zu unterstützen. Das Projekt „Sozialer Zement“ kostete 12 Millionen Reais und sah die Teilnahme der Bewohner an den Bauarbeiten vor. Die Präsenz von 200 Soldaten in der Favela verursachte allerdings Polemik unter den Bewohnern, die Konflikte zwischen den Drogenhändlern und dem Militär fürchteten.) Die Opfer kamen gestern gegen 8 Uhr von einem Fest in der Favela Morro da Mangeira zurück, als sie von den Militärs festgenommen wurden. Während des Protests wurde auch geschossen.
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Im Caveirão – Improvisation, Unsicherheit, permanente Pannen – wie funktionieren die Panzerfahrzeuge, die in den favelas (Armenvierteln) von Rio eingesetzt werden
Christina Tardáguila in piauí Nr. 19; aus dem brasilianischen Portugiesisch von Jörg Trettler
(Die Fotos stammen vom Hauptquartier der Polícia Civil, das offen zugänglich schien; beim Verlassen des Geländes wurde ich jedoch von einem Beamten angehalten und auf ein Zimmer gebracht, wo ich einige Fragen beantworten mußte.)

Wenn man die Tür des Panzerfahrzeuges öffnet, das die Polícia Civil (PC) von Rio de Janeiro verwendet, um Operationen in den favelas von Rio durchzuführen, gibt sie ein trockenes Knarren von sich, das von einem heiseren Knirschen gefolgt wird. Die Luft, die aus dem Fahrzeug strömt, eine Mischung von Schweiß, Staub und geronnenem Blut, dreht einem den Magen um, so heiß und feucht ist sie. Der Polizist Hamilton lässt sich vom schlechten Geruch nicht beeindrucken. „Mit der Zeit wird das dein Zuhause und du merkst es gar nicht mehr“, sagte er vor kurzem bei Tagesanbruch beim Einsteigen in den „Caveirão„, dem Spitznamen des Panzerfahrzeuges.
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Antwort auf die Frage meiner Mutter, ob es trotz kaltem Wasser zum Duschen, Krank-sein und Wohnungsproblemen, eine gute Entscheidung war, nach Brasilien zu gehen:
Kaltes Wasser, krank sein und Wohnungsprobleme sind hier in Brasilien Luxusprobleme. Der Großteil der Bevölkerung lebt unter unvorstellbaren Bedingungen. Und an diesen Bedingungen sind nicht die Menschen schuld, sondern die Handlungsunwilligkeit und Korruption der Politiker und die globalen Mechanismen der kapitalistischen Ausbeutung. Das alles hat auch direkt mit unserem wohlbehütetem Land Österreich zu tun. Ich beschäftige mich gerade mit einer Studie über einen Rechtsstreit zwischen der EU und Brasilien, ausgelöst durch ein brasilianisches Importverbot von gebrauchten Autoreifen aus der EU. Die EU hat vor der WTO gegen Brasilien geklagt und gewonnen. Brasilien importierte diese alten Autoreifen, weil sie billiger sind und wurde damit ein Lager von umweltschädlichem Reifenmüll. Der springende Punkt ist, dass sich in diesen Autoreifen Wasser sammelt, das die beste Brutstätte für alle möglichen Krankheiten ist, darunter auch Dengue. Daraus folgt der logische Schluss, dass Österreich als Mitglied der EU indirekt daran schuld hat, dass ich in Brasilien Dengue bekommen habe. Ein verrückter Gedanke, aber so ist es wirklich.
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Mit Tag(s) versehen: "rio de janeiro", brasilien
Petrópolis liegt ca. 1 1/2 Stunden von Rio de Janeiro entfernt in den Bergen. Die von Bananenstauden und Orchideen gesäumte Straße schlängelt sich die grünen Hügel hinauf, während in der Ferne die ersten von Wolken verschleierten Bergkuppen erscheinen. Von einem Aussichtspunkt kann man einen Blick ins Tal über die letzten Ausläufer der Favelas von Rio schweifen lassen. Die 1825 von deutschsprachigen, insbesondere Tiroler Einwanderern gegründete Stadt wurde später zur Sommerresidenz von Kaiser Pedro II., dem es in Rio de Janeiro zu heiß wurde. Petrópolis war immer ein angenehmer Rückzugsort für Menschen mit Geld. Es begann mit dem Hofstaat, der der Kaiserfamilie folgte und sich in den Straßen um den Kaiserpalast niederließ. Vom Ende des 19. Jahrhunderts an kamen die Kaffeebarone dazu. Heute sind es die oberen Zehntausend von Rio, die hier ihre Wochenendhäuser haben. Menschen wie jener Bankier, der ein Herrenhaus am Stadtrand von Petrópolis bewohnt und täglich per Helikopter 15 Minuten nach Rio ins Büro fliegt. Gleichzeitig schreitet auch hier der Wachstum der Favelas in rasender Geschwindigkeit voran. 1941 bezog Stefan Zweig hier zusammen mit seiner Frau Lotte ein Haus in der Rua Gonçalves Días.

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