Antwort auf die Frage meiner Mutter, ob es trotz kaltem Wasser zum Duschen, Krank-sein und Wohnungsproblemen, eine gute Entscheidung war, nach Brasilien zu gehen:
Kaltes Wasser, krank sein und Wohnungsprobleme sind hier in Brasilien Luxusprobleme. Der Großteil der Bevölkerung lebt unter unvorstellbaren Bedingungen. Und an diesen Bedingungen sind nicht die Menschen schuld, sondern die Handlungsunwilligkeit und Korruption der Politiker und die globalen Mechanismen der kapitalistischen Ausbeutung. Das alles hat auch direkt mit unserem wohlbehütetem Land Österreich zu tun. Ich beschäftige mich gerade mit einer Studie über einen Rechtsstreit zwischen der EU und Brasilien, ausgelöst durch ein brasilianisches Importverbot von gebrauchten Autoreifen aus der EU. Die EU hat vor der WTO gegen Brasilien geklagt und gewonnen. Brasilien importierte diese alten Autoreifen, weil sie billiger sind und wurde damit ein Lager von umweltschädlichem Reifenmüll. Der springende Punkt ist, dass sich in diesen Autoreifen Wasser sammelt, das die beste Brutstätte für alle möglichen Krankheiten ist, darunter auch Dengue. Daraus folgt der logische Schluss, dass Österreich als Mitglied der EU indirekt daran schuld hat, dass ich in Brasilien Dengue bekommen habe. Ein verrückter Gedanke, aber so ist es wirklich.
Mir ist es schon oft passiert, dass mir Brasilianer (meistens Busfahrer) extrem unfreundliche Antworten gegeben haben, nachdem ich sie um irgendwelche Auskünfte bat. Das ist natürlich im dem Moment schwer zu verdauen, aber wenn man sich die Arbeitsbedingen der Menschen mit einem Mindestlohn (von 100 €) anschaut und das den herrschenden Lebenskosten, die in vielen Bereichen mit den europäischen vergleichbar sind, gegenüberstellt, sind diese Frustrationsausbrüche eher verständlich. Und auch, dass sie sich besondern gegen westliche Ausländer richten. Es scheint wirklich einfach das Modell der Weltbank und der WTO über dieses Land gestülpt worden zu sein, das in kleinen Inseln fruchtet und ein paar wenigen zu Reichtum verholfen hat, ohne Berücksichtung des Großteils der davon ausgeschlossenen. Die Politik dreht sich allein darum, diese Ausgeschlossenen nicht nur zu ignorieren, sondern mit permanenter Repression ruhig zu halten, damit sie nicht die „Entwicklung“ des Landes stören.



Am Eingang zur Favela Dona Marta hab ich einen Mann um eine Auskunft gebeten und er hat mich in ein Gespräch verwickelt in dem er mir – als er merkte dass ihm wirklich jemand zuhört – unter Tränen seine Lebengeschicht erzählt hat. Die Menschen, die in den Favelas (mitten in den Nobelbezirken von Rio Leben) leben, werden von der restlichen „Gesellschaft“ einfach negiert. Das Möglichkeit mit jemandem zu sprechen, wenn auch mit einem komplett Fremden, war für diesen Mann eine Gelegenheit seine Identität – wenn auch nur für einen kurzen Moment – wiederherzustellen. Nebenbei gesagt: Die Touristenbüros bieten in Safari-Autos Touren durch Favelas an, auf denen die zum Schauobjekt gemachten Bewohner fotografiert werden können.
Bisher bin ich in Rio keiner gefährlichen Situation ausgesetzt gewesen. Das Spiel mit der Paranoia der überall lauernden Gefahr, die soweit geht, in jedem Busmitfahren einen potentieller Kidnapper oder Räuber zu sehen, führte dazu, dass die Universität einen Securitymann vor dem Bus, der die Studenten von dem Campus zur Studentenherberge bringt, aufstellen ließ und alle Passagiere kontrolliert.
Es ist natürlich eine spekulative Aussage von mir, und ich verweigere auch nicht, die Realität der existierenden Kriminalität, aber ich stelle aufgrund meiner Informationslage die Behauptung auf, dass der Großteil der Gewalt in Rio de Janeiro von der Polizei den Militärs und anderen staatlichen Ordnungsinstanzen ausgeht. Belege dazu gibt es ohne Ende; von den Aktionen der paramilitärischen Todesschwadronen, die Straßenkinder ermorden bis zu den Militär-Polizeieinsätzen mit Panzerfahrzeugen in den Favelas „um den Drogenhandel zu bekämpfen“.
Die Entscheidung nach Brasilien zu gehen war also auf jeden die richtige, um besser zu verstehen, in was für einer Welt wird leben.






1 Antwort bis hierher ↓
viktor // Juni 28, 2008 um 11:52
Eine andere Antwort von dir hätte mich mehr als überrascht. Freut mich, dass du privat deinem persönlichen Interesse nachgehst und dich nicht durch den GD von deinen „Vereinswurzeln“ entfremdet hast. Ab Ende September bin ich dann hoffentlich auch endlich auf dem Kontinent, wird wohl aus meiner zukünftigen Wahlheimat nicht geringer bestürzende Geschichten zu erzählen geben, allein die Quantität wird wohl nicht die von Brasilien erreichen.
saúdes desde Santiago … quizáis vemonos un día alí en Brasil ou no „meu“ país (por certo: é galego
).