Militär beschuldigt, Jugendliche verschwinden lassen zu haben

Während eines Protests gegen das Miltär plündern Bewohner der Favela Morro da Providência neun Autobusse und zünden einen weiteren an

Flávia Cohen, Gabriela Moreira und Zean Bravo am 15. Juni 2008 in der brasilianischen Tageszeitung O Globo; aus dem brasilianischen Portugiesisch von Jörg Trettler

Bewohner der Favela Morro da Providência (im Zentrum von Rio de Janeiro) zündeten als Protest gegen das Verschwinden von drei Jugendlichen, die gemäß ihren Anschuldigungen von Militärangehörigen, die die Favela besetzen, festgenommen wurden, gestern gegen 14 Uhr einen Autorbus an und plüderten 9 weitere. (Anm. d. Übersetzers: Die Besetzung des Morro da Providência vom Militiär begann am 13. Dezember 2007. Die Mission war, die Bauarbeiten zur Verbesserung der Fassaden und Dächer von 780 Häusern gemäß dem vorgestellten Projekt vom damaligen Senator Marcelo Crivella zu unterstützen. Das Projekt „Sozialer Zement“ kostete 12 Millionen Reais und sah die Teilnahme der Bewohner an den Bauarbeiten vor. Die Präsenz von 200 Soldaten in der Favela verursachte allerdings Polemik unter den Bewohnern, die Konflikte zwischen den Drogenhändlern und dem Militär fürchteten.) Die Opfer kamen gestern gegen 8 Uhr von einem Fest in der Favela Morro da Mangeira zurück, als sie von den Militärs festgenommen wurden. Während des Protests wurde auch geschossen.

In einer schriftlichen Stellungnahme bestätigte das Militär, dass die drei Jugendlichen wegen respektlosem Verhaltens verhaftet wurden und sie zum Kommandanten der Truppe gebracht wurden, der, nachdem er sie verhört hatte, beschloss, dass sie freigelassen werden. „Nach der Freilassung hatte das Militär keinen weiteren Kontakt mit den zitierten Elementen“, steht in der Stellungnahme. Die Verschwundenen sind Welington Gonzaga Costa (19 Jahre), Marcos Paulo da Silva Correia (17 Jahre) und David Wilson Florêncio da Silva (24 Jahre). Sie befanden sich auf der Praça Américo Brum, auf dem Hügel der Favela, als sie von den Miltärs, die nach Aussagen von Bewohnern einen berauschten Eindruck machten, angehalten wurden. Die Jugendlichen sollen dann von einem Militärfahrzeug in eine Kasserne in der Umgebung gebracht und gegen Mittag von dort entfernt worden sein.

Militärpolizei sucht in der Favela Catumbi

Die Mutter von Wellington, Liliam Gonzaga da Costa (43 Jahre), erzählte, dass sie ihren Sohn verletzt in einem Militärquartier in Santo Cristo gesehen hat. Nach ihren Angaben schickten sie die Miltärs aufs Polizeikommissariat, um dort auf ihren Sohn zu warten.

Ich habe gearbeitet als ich erfahren habe, dass mein Sohn festgenommen worden ist. Ich habe nach Informationen gesucht und ihn im Militärquartier von Santo Cristo gefunden. Ich sah meinen Sohn blutüberströmt am Boden liegend . Aber sie schickten mich weg und sagten, ich solle am Polizeikommissariat auf ihn warten. Ich wartete dort und als ich wieder zurückkehrte, wurde mir gesagt, dass er in den Fluss Rio Comprido geworfen worden sei. Mein Sohn hat als Maurer gearbeitet. Das ist Feigheit – sagte Liliam, die als Service-Assistentin arbeitet.

Das 5. Kommando der Polícia Militar (Praça da Harmonia) begann mit der Suche nach den Jugendlichen. Es wurde ein Caveirão in die Favela Morro da Mineira (in der Favela Catumbi) geschickt, da es eine Anzeige gab, dass die Jugendlichen dort sein könnten. Das Militär besetzte den Morro da Providência wegen eines Bauprojekts des Ministeriums, das mit den Mitteln aus einem Fonds des Senators Marcelo Crivella (PRB) durchgeführt wird. Die Gemeinderätin Liliam Sá (PR), die Crivella unterstützt, sagte, dass sie von Bewohnern gebeten wurde, den Fall zu begleiten. Sie musste sich auf den Boden werfen, um von den Kugeln nicht getroffen zu werden und bat die Militärs am späten Nachmittag, dass sie die Favela verlassen.

Die Bewohner beschuldigen die Miltärs, dass sie die Jugendlichen umgebracht haben – erzählte die Gemeinderätin, die in den Verhandlungen um den Rückzug der Truppen als Mediatorin auftrat. Ich rief das Miltärkommando Comando Militar do Leste an und erklärte ihnen, dass die Situation sehr schlimm sei und dass es besser wäre, wenn sich die Truppen zurückziehen würden.

Aufgrund des Verschwindends der drei Jugendlichen initierte eine Gruppe von Bewohnern am frühen Nachmittag eine Serie von Demonstrationen auf den Straßen in der Nähe der Favela. Zehn Autobusse wurden zerstört. Eines der Fahrzeuge wurde angezündet, während sich die Passagiere noch im Fahrzeug befanden. Zwei Polizisten des 5. Kommandos der Plícia Militar, die in der Nähe des Viadukts São Sebastião Streife fuhren, sahen Rauch aufsteigen und schafften es rechtzeitig anzukommen um die Fenster einzuschlagen und die Passagiere zu retten. Es gab keine Verletzten.

Die Feuerwehr brauchte ungefähr 15 Minuten um das Feuer zu löschen. Der Hauptmann der Polícia Militar Jorge Couto war einer derjenigen, die die Passagiere rettete: Es war zu Verzweifeln, die Passagiere gefangen im Autobus zu sehen. Wir schafften es rechtzeitig, die hinteren Fenster einzuschlagen und alle lebend herauszubekommen. Es waren auch Kinder und alte Menschen unter den Passagieren. Gleich danach habe ich das Polizeikommando gerufen um uns zu unterstützen.

Miltär wirft Tränengasbomben

Nachdem die letzten Flammen gelöscht wurden, begann am Praça Américo Brum, am Morro gelegen, eine Schießerei. Gemäß einer Bewohnerin, die sich während der Auseinandersetzung vor Ort war, erkannten einige Bewohner die Miltärs, die die Jugendlichen festgenommen hatten als das Militär auf den Platz kam wieder und begannen mit Beschimpfungen zu protestieren.

Die Soldaten entgegneten mit Tränengas- und Pfefferspraybomben. Einige Personen wurden von den Splittern der Bomben verletzt. Wütend warfen die Bewohner mit Steinen auf die Soldaten, die darauf mit Schüssen in die Luft antworteten. Die Schießerei dauerte ca. eine halbe Stunde. Wärend die Feuerwehr abrückte, kamen Polizisten in die, um das Militär zu unterstützen und die Demonstranten zurückzudrängen.

Einige Bewohner, die von der Rua Amércia (einer der Zugangsstraßen zur morro) kamen, versuchten sich während der Schießerein verzweifelt unter dem Viadukt São Sebastião in Sicherheit zu bringen. Der Verkehr in der gesamten Region bis zum Tunnel Santa Bárbara beeinträchtigt.

Die Besetzung des Morro da Providência vom Militiär begann am 13. Dezember 2007. Die Mission war, die Bauarbeiten zur Verbesserung der Fassaden und Dächer von 780 Häusern gemäß dem vorgestellten Projekt vom damaligen Senator Marcelo Crivella zu unterstützen. Das Projekt „Sozialer Zement“ kostete 12 Millionen Reais und sah die Teilnahme der Bewohner an den Bauarbeiten vor. Die Präsenz von 200 Soldaten in der Favela verursachte allerdings eine Polemik unter den Bewohnern, die Konflikte zwischen den Drogenhändlern und dem Militär fürchteten.

Am 16. Juni in der online-Ausgabe des O Globo:

Richter ordnet Untersuchungshaft für 11 Soldaten wegen Tod der Jugendlichen an

RIO – Die Journalrichterin des Tribunal de Justiça ordnete heute Morgen die Untersuchungshaft der 11 Soldaten für 30 Tage an. Die Antrag wurde vom Polizeikommissar Ricardo Dominguez von der 4ª DP (Central do Brasil) gestellt, der die Beteiligung dieser Soldaten am Mord der drei Jugendlichen, die am Samstag in der Favela Morro da Providência festgenommen wurden, untersucht.

Den 11 Soldaten wird vorgeworfen, die drei Bewohner des Morro da Providência an traficantes (Drogenhändler) des Morro da Mineira in Catumbi, der von einer rivalisierenden Faktion von Drogenhändlern kontrolliert wird, ausgeliefert zu haben. Die Körper der drei Jugendlichen wurden an diesem Sonntag auf der Müllhalde von Gramacho in Duque de Caxias mit verschiednen Schussverletzungen gefunden. Die Eltern von Wellington Gonzaga Costa, Marcos Paulo da Silva und David Wilson Florêncio beschuldigen die Soldaten, die drei entführt und an die traficantes ausgeliefert zu haben.

Gemäß den Angaben des Polizeikommissars werden alle 11 Soldaten – unter ihnen ein Offizier, drei Unteroffiziere und sieben Soldaten – wegen dreifachen Mordes angeklagt. In ihren Aussagen haben sich einige der Soldaten bereits für schuldig bekannt. Nach Angaben des Kommissars befinden sich die 11 Militärangehörigen im Comando Militar do Leste (CML) in Haft.

Ein Bewohner bestätigt die Beteiligung der Militärangehörigen

Ein Bewohner der Region von Mineira, der von GLOBO interviewt wurde, der aber anonym bleiben wollte, erzählte in allen Details die Aktion, in der die Militärangehörigen gestern drei Jugendliche vom Morro da Providência an traficantes der Favela Catumbi ausgeliefert haben. Nach seiner Aussage kamen ungefähr 10 uniformierte und mit Gewehren bewaffnete Soldaten, wie wenn sie im Dienst wären, auf einem der Zugänge zu Mineira in einem Lastwagen des Militärs an.

Gleich danach gaben die Soldaten den Befehl, dass die drei aus dem Fahrzeug aussteigen. Mindestens sechs begleiteten die Jugendlichen still bis eine Gruppe von traficantes, die schon an einem anderen der Zugänge zur Favela gewartet hatten, wo es einen ein boca-de-fumo gab. Nach Angabe des Bewohners folgten 15 Minuten Terror, der um 11 Uhr begann:

Der Bewohner bestätigt auch, dass einer der Burschen versuchte mit seinem Mobiltelefon einen Anruf zu tätigen, dass er aber daran von einem der traficantes gehindert wurde, der den Apparat und anderes Sachen wie eine Kette an sich nahm. Einer der Jugendlichen versuchte auch zu flüchten, aber er wurde sofort überwältigt und mit den anderen unter Schreien, dass sie sie umbringen würden auf eine Anhöhe der Favela gebracht. Gegen 11 Uhr gelangte die Anzeige zur Polizei, aber erst um 17 Uhr wurde ein Panzerfahrzeug in der Favela gesehen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s