Besuch der MST-Siedlungen in Campos

An der UFRJ (Universität von Rio de Janeiro) wurde in diesem Semester ein Praktikum für Studenten der Studienrichtung Assistença Social in Campos (im Norden den Bundesstaates Rio de Janeiro) angeboten, wo das Movimento dos Trabalhadores Rurais sem Terra (MST) mehrere asentamentos (Siedlungen) und acampamentos (camps) hat. Am letzten Wochenende habe ich die Gruppe begleitet.

Die Konzentration von Land – 10 % der Bevölkerung besitzen rund 80 % des Landes –  kennzeichnet Brasilien seit 1500. Von den Böden, die Großgrundbesitzern oder Konzernen gehören, sind etwa die Hälfte ungenutzt. Castelo Branco hat zwar während der Militärdikdatur das erste Bodenreformsgesetz, das Estatuto da Terra, erlassen, es wurde jedoch nie real umgesetzt und diente als bloßes strategisches Instrument.  Zu dieser Zeit wurden die ersten Landbesetzungen organisiert.

1984 fand das erste Treffen des MST statt, bei dem die Notwendigkeit von Landbesetzungen als ein legitimes Mittel der verarmten Landbevölkerung artikuliert wurde. Damit begann sich das MST als soziale Bewegung mit konkreten politischen Zielen auf Basis von sozialer Gerechtigkeit und menschlicher Würde zu formieren, die heute in 23 der 26 Bundesstaaten Brasiliens organisiert ist und rund 1,5 Mio landlose Familien betreut.

Diese brasilianische Realität zeigt sich deutlich auf der Fahrt mit dem Mikrobus der UFRJ auf der Bundesstrasse Richtung Norden; entlang der Strasse endlos weite Grundstücke, einige mit Farmhäusern und Wirtschaftsgebäuden, die meisten aber unbewirtschaftet und verwildert. Dennoch sind sie mit einem hohen Zaun abgegrenzt.

Wir kamen am frühen Nachmittag im asentamento Dandara de Palmares an, wo der Status der Grundstücke schon legalisiert wurde und wo sich ein Gemeinschaftszentrum des MST befindet. Er herrschte geschäftiges Treiben mit Vorbereitungen für die am Abend stattfindende Festa Junina.

Ein Teil der Gruppe der Studenten fuhr gleich weiter ins acampamento Madre Kristina, wo ca. 100 Familien, die in Hütten aus Stroh und Plastikplanen wohnen, auf eine Zuteilung eines eigenen Grundstückes, das sie bewirtschaften könnnen, warten. Das Instituto Nacional de Colonização e Reforma Agrária (INCRA), ein staatliches Organ, das für die Umsetzung der Landreform zuständig ist, handelt langsam und unzureichend. Viele Familien warten Jahrelang in den acampamentos bis ihnen ein Stück Land zugesprochen wird; viele geben die Hoffnung – ausgezehrt von den widrigen Bedingungen – schon vorher auf.

Campamento des MST \

Am Abend wurde im Gemeinschaftszentrum eine Festa Junina gefeiert. Das ist ein brasilianischer Brauchtum europäischen Ursprungs, bei dem drei wichtige katholische Heilige gefeiert werden, Antonius von Padua,
Johannes und Petrus. Historisch gehen die Festa Juninas auf die heidnischen Bräuche und Feste zur Sonnenwende zurück. Dabei führten die Kinder und Jugendlichen eine „quadrilha„, einen Tanz, bei der die Teilnehmer traditionelle Bauernkleider tragen und eine fiktive Hochzeit inszenieren, auf. Leider sind nicht so viele Gäste wie erwartet zu dem Fest gekommen, obwohl sich die Organisatoren grosse Mühe gemacht haben.

Am nächsten Tag hat uns Nilson seine roça (landwirtschaftliches Grundstück) gezeigt, auf der er hauptsächlich Maniok und Süsskartoffeln anbaut. Maniok wurde schon von vor der Kolonisierung durch die Europäer  von den Ureinwohnern Brasiliens zur Ernährung verwendet. Von der reichlichen Ernte hat uns Nilson einige Kilos der Erdfrüchte mitgegeben.

Weitere Fotos auf: flickr

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